Selbstbestimmung für alle Menschen! – Die Situation des nicht zutreffenden Zuweisungsgeschlechts oder „Transgeschlechtlichkeit“ in der Kindheit

Die Zeit, in der sie aufwachsen, gehört den Kindern selbst und wird durch sie gestaltet. Daher sind ihre Kindheiten durch sie und nicht über sie zu beschreiben, soll ihre Lebenswirklichkeit erkennbar sein und anerkannt werden. Die Eltern und die anderen Erwachsenen können durch ihr Zuhören und ihr Erleben, die Lebenssituation der jungen Menschen beschreiben und unser Verständnis und unsere Denkweisen erweitern. Auch wenn es noch nicht „beweisbar“ ist, dass es diese Art von selbstbestimmter Empfindung des Geschlechts gibt, von der wir hier sprechen, so ist es doch eine Realität, dass den Menschen mit unzutreffendem Zuweisungsgeschlecht diese Empfindung und die Entscheidung, das andere als das sog. biologische Geschlecht für sich zu verwirklichen (auf welchen Ebenen auch immer, als Name, als Lebensweise, als körperliche Angleichung an das empfundene Geschlecht und in welcher Lebensphase auch immer) als Menschenrecht zusteht.

In einer Broschüre möchten wir, Dr.med. Erik Schneider (Verein trankine e.V., Luxemburg) und Prof. Dr. Dipl.Päd. Claudia Maier-Höfer (Evangelische Hochschule Darmstadt), eine Informationsgrundlage zu dem Phänomen der Transgeschlechtlichkeit in der Kindheit zusammenstellen. Diese Broschüre soll für den Aus-, Fort- und Weiterbildung verwendet werden können. Wir verfolgen einen affirmativen Ansatz der Anerkennung der Selbstbestimmung des Geschlechts, die für alle Menschen, sowohl für Kinder wie auch Erwachsene gilt. Unsere Arbeitsweise zur Erstellung der Broschüre und von entsprechenden Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen orientiert sich an dem sozialwissenschaftlichen Ansatz der „Akteur_innenschaft“. Die Gestaltung sozialer Praktiken, die Demokratie und Vielfalt als Norm verwirklichen, verbinden alle Menschen in gleichberechtigter und inklusiver Weise miteinander.

Hier möchten wir ein Statement anführen, das von Menschen formuliert wurde, die im Rahmen der Evangelischen Kirche die Transgeschlechtlichkeit von Erwachsenen als Broschüre erarbeitet haben:

„Die Wahrnehmung von Verschiedenheiten und Vielfalt ist eine Bereicherung nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch der kirchlichen Gemeinschaft, indem ein Prozess des wechselseitigen Verstehens in Gang gesetzt wird, der Stereotype aufbricht und zu einer wertschätzenden Begegnung mit Menschen und deren Lebensgeschichten führt.“ (Livia Prüll, Johanna Schmidt-Räntsch, Gerhard Schreiber und Petra Weitzel, in der Broschüre des dgti e.V.: REFORMATION FÜR ALLE* – Transidentität/ Transsexualität und Kirche, Einleitung, S. 5, 2017)

 

Projekt:

Borschüre mit dem Arbeitstitel: trans_Kindheiten1

1Wir sind uns bewusst, dass „trans“ eine Kategorisierung ist. Uns geht es darum, mit dem Begriff „trans“-Kindheiten sichtbar zu machen, das Recht der Kinder so zu sein, wie sie es bestimmen, als Kinder- bzw. Menschenrecht zu verankern und offen zu lassen, wer sich wann und an welchem Ort wie benennen möchte.

 

Als Arbeitsgruppe „Selbstbestimmte Kindheiten“ haben wir einen Prozess mit der Zielsetzung begonnen, eine Broschüre zu erarbeiten, die einen Zugang zu einem demokratischen Miteinander von allen Menschen eröffnen soll: Kinder, Erwachsene, Cis-Frauen/Mädchen und Cis-Männern/Jungen, bei denen das Zuweisungsgeschlecht bei der Geburt zutrifft, Trans-Frauen/Mädchen und Trans-Männern/Jungen, bei denen es nicht zutrifft wie auch jene, die ihr geschlechtliches Zugehörigkeitsgefühl noch anders beschreiben, z.B. fluide, wechselnd, beides vorhanden, gar nicht vorhanden u.v.m..

Die Definitionen sollen hier nicht als Fremd-Bestimmung der Menschen herangezogen werden. Sie sollen die Verschiedenheiten sichtbar und gleichzeitig die sozialen Praktiken als veränderbar erkennbar machen, insbesondere da, wo sie Verschiedenheiten wie auch Selbstbestimmung der Menschen nicht unterstützt haben. Diese sind Aspekte des Zusammenlebens, die in der Entwicklung von Demokratie immer wieder neu mit allen Menschen als teilhabend erarbeitet werden.

Von jungen Menschen und ihrem Recht auf Selbstbestimmung ausgehend, möchten wir deren Lebenswelt affirmativ, bejahend, bezeugen. In Bezug darauf, kann, so unser Ansatz, (Selbst-) Sicherheit für alle Beteiligten in konkreten Begegnungen stabilisiert werden, so dass die einen nicht auf Kosten der anderen bestimmen und „Recht haben“.

Professionelle in den Bereichen von Bildung, Erziehung und Ausbildung in ihrer täglichen Praxis und im beruflichen Alltag zu unterstützen, demokratische Prozesse zu initiieren, ist das Ziel unseres Ansatzes. Die Rechte der Kinder und ihre Teilhabe an demokratischen Prozessen zu sichern ist unser Anliegen.

Der Ausgangspunkt der Arbeitsweise zur Erstellung der Broschüre ist es, „Trans_Kindheiten“ aus dem Erleben heraus zu begreifen, aus dem Erleben junger Menschen, ihrer Eltern, der Fachkräfte, die sie bei ihrer Entwicklung begleiten und aus den Erfahrungen von Menschen, die mit dem Thema und dem Phänomen der unzutreffenden Zuschreibung eines Geschlechts auf unterschiedliche Weise verbunden sind. Es werden immer wieder andere Erlebnisse und Erfahrungen sein, die zu bearbeiten sind, daher gibt es viele „Kindheiten“.

 

Das Ziel der Broschüre ist es, Professionelle mit den Aspekten des Zusammenlebens und der teilhabenden Gestaltung von Gemeinschaft hinsichtlich des Themas trans_Kindheiten vertraut zu machen. Diese Gestaltung von Gemeinschaft, die im Kontext von Selbstbestimmung des Geschlechts kreative soziale Praktiken hervorbringt, kann und muss konsequenter Weise im Zusammenwirken von allen Beteiligten, insbesondere mit den jungen Menschen erarbeitet werden.

Unser umfassendes Ziel im Kontext der Selbstbestimmung als Selbstbestimmung des Geschlechts ist es:

Das Nicht-Zutreffen der Zuweisung zu einem bestimmten Geschlecht bei der Geburt als Phänomen zu beschreiben und soziales, kreatives Handeln in diesem Kontext von Professionellen zu unterstützen, das mit jungen Menschen (unter 18 Jahren) und ihren Eltern abgestimmt ist. Dass die sozialen Praktiken in Bildungs-, Erziehungs- und Ausbildungsinstitutionen der inneren Notwendigkeit Rechnung tragen, das Geschlecht selbst zu bestimmen, wenn die Zuschreibung zum Geschlecht bei der Geburt nicht zutrifft, ist das Recht eines jeden Menschen. Was Kinder über sich selbst sagen, muss demnach respektiert werden. Die Vorstellung von dem, was Kinder wissen und was sie ausdrücken, wird sich verändern, wenn ihnen auf diese Weise zugehört wird. Der demokratische Handlungsspielraum erweitert sich und Demokratie als Bezugspunkt von Bildung, Erziehung und Ausbildung wird als Rechtsposition für alle Menschen und von allen Menschen begreifbar. Diese Rechtsposition sichert allen Menschen Teilhabe.

 

  1. a) Die Zielgruppen der Broschüre sind:

Professionelle in Kindertageseinrichtungen, Schulen, Nachmittagsbetreuung, Fachschulen und Hochschulen

Träger von Bildungseinrichtungen und Organisationen

Wissenschaftler_innen und Politiker_innen

und alle, die das Aufwachsen von jungen Menschen begleiten

 

  1. b) Verwendung der Broschüre:

Die Broschüre soll als erste Informationsquelle erreichbar sein, um sich als Einzelpersonen oder als Gruppe, Institution und Gemeinschaft in Bezug zur Selbstbestimmung des Geschlechts von jungen Menschen unter 18 Jahren zu orientieren. Sie kann verwendet werden

  • als Information zum Verstehen von unzutreffendem Zuweisungsgeschlecht als soziale Situation
  • für die Ausbildung und Lehre
  • zum Weiterreichen an Interessierte
  • als Anregung, sich weiter mit dem Phänomen zu befassen
  • als Ausgangspunkt eines Prozesses einer Einrichtung, Demokratie zu begreifen
  • als Bezugspunkt, um auf den Ebenen von Forschung und Politik, Fragestellungen zu entwickeln und zu bearbeiten

 

  1. c) Inhalt der Broschüre:

Grundinformationen

Beispielsituationen in Einrichtungen

Beispiele von Formen von Abstimmungen in der Gemeinschaft

Bücherliste

Glossar

Vereine und Bewegungen

 

  1. d) Arbeitsformen im Prozess der Zusammenstellung der Broschüre:

Sichtung von bereits entstandenen Borschüren (national und international)

Workshop mit Studierenden,

Nachmittag zum Austausch mit Kindern und Eltern

Schreib-Phase und Review-Prozess (viele verschiedene Menschen lesen die Broschüre und geben Rückmeldung und Änderungsvorschläge bevor sie gedruckt wird)

Info-Tag mit Kurzvorträgen und Diskussionen (Termin und Ort wird noch bekannt gegeben)

 

 

Unsere Anliegen, das soll hier noch gesagt sein, endet nicht mit der Fertigstellung der Broschüre. Wir möchten Verbindungen zu Gruppen und Vereinen herstellen, auf der Ebene von Forschung, Ausbildung, Lehre und Politik aktiv werden und uns allmählich überflüssig machen.

Wir haben noch einen Blog aufgemacht, auf dem wir immer wieder neue Informationen zusammenstellen, auch zu anderen Themen und Phänomen, die Selbstbestimmung als Recht der Generation der Kinder in gesellschaftspolitischen und sozialethische relevanten Situationen erkennbar machen, Beiträge sammeln und dort veröffentlichen. Unser Anliegen ist es auch, wissenschaftstheoretische Ansätze zu erarbeiten, um die Selbstbestimmung von Kindern in den Angewandten Kindheitswissenschaften auf unterschiedlichen Ebenen zu verorten. (Blog: Selbstbestimmte-Kindheiten@blogspot.de)

 

Claudia Maier-Höfer und Erik Schneider