Pressemitteilung: „Wer einen Regenschirm besaß, brachte diesen gleich zum Unterricht mit“

Die Evangelische Fachschule feiert Jubiläum: 75 Jahre Erzieherinnenausbildung in Herbrechtingen

Im Juli 1945 zog das ausgebombte Evangelische Fröbelseminar von Stuttgart nach Herbrechtingen um und setzte die Ausbildung der Kindergärtnerinnen im leer stehenden Erziehungsheim im Klosterareal fort. Das Jubiläum „75 Jahre Erzieherinnenausbildung in Herbrechtingen“ wird am 12. März um 16 Uhr mit einem Dankgottesdienst und einem anschließenden Festakt um 17 Uhr im Foyer der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik gefeiert. Die Festrede hält Professor Doktor Ulrich Hemel, Direktor des Weltethos-Instituts Tübingen.

HERBRECHTINGEN, 2. März 2020. Die Herbrechtinger Fachschule hat ihre Wurzeln in der Landeshauptstadt. Im September 1944 wurde Stuttgart durch Bombenangriffe in Schutt und Asche gelegt. Auch das Evangelische Fröbelseminar in der Forststraße 16 brannte in der Nacht vom 13. auf 14. September bis auf die Grundmauern nieder. Der Kindergärtnerinnenkurs konnte zunächst provisorisch im Esslinger Gemeindehaus unterkommen. In der Chronik ist zu lesen: „Im März 1945 fand die Abschlussprüfung unter dem Vorsitz der Vertreterin des Kultusministeriums statt, zum Teil bei Fliegeralarm im Keller. Und noch vor dem Einmarsch der Siegermächte erhielt jede Schülerin ihr Abschlusszeugnis als staatlich geprüfte Kindergärtnerin.“ Dann kamen Wochen der Unsicherheit. Allen Mitarbeiterinnen und Schülerinnen wurde vorsorglich gekündigt. Schließlich konnte der Unterricht Anfang Juli 1945 „mit Genehmigung des Kaptains Edward“ im leer stehenden Erziehungsheim in Herbrechtingen fortgesetzt werden. „Dort hatte man wenigstens ein Dach über dem Kopf und bekam Kartoffeln und Gemüse, wenn man dafür arbeitete“, heißt es in der Chronik.

Die Anfänge für die rund 60 Schülerinnen und Lehrerinnen waren nicht leicht. Im Wohnhaus hatten die Amerikaner einige Tage Quartier bezogen und hinterließen laut Chronik „ein unbeschreibliches Durcheinander“. Der Unterricht erfolgte vor 75 Jahren „in einem schadhaften kleinen Schulhaus mit durchlöchertem Flachdach, zu dem es kräftig hereinregnete, und wer einen Regenschirm besaß, brachte diesen gleich zum Unterricht mit“, heißt es in den Berichten der damaligen Schulleiterin Hedwig Reinhardt. Von solchen Baumängeln ist die Fachschule inzwischen weit entfernt. „Nach etlichen Umbau- und Ausbauphasen haben wir vor zwei Jahren nun einen modernen Neubau auf unserem Schulgelände einweihen können“, sagt Heidi Fritz, zweite Vorsitzende des Trägervereins. „Wir sind der Evangelischen Landeskirche als Bauherrin sehr dankbar dafür, dass wir auch in Zukunft beste Voraussetzungen haben, um die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern weiterhin mit hoher Qualität und vielseitigen Unterrichtsmethoden durchführen zu können.“

Auch die Ausbildungsstruktur hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt. Während in den Anfangsjahren das gemeinsame Internatsleben und die Mitarbeit in Landwirtschaft und Kirchengemeinde prägend war, hat sich das Berufsfeld in den 70er-Jahren für Männer geöffnet, die Umbenennung in „Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik“ erfolgte parallel zu den staatlichen Berufsschulen, das Berufspraktikum als Bedingung für die staatliche Anerkennung wurde eingeführt und statt Internatsbetten gibt es für die Studierenden nun WG-Zimmer zu mieten. In den letzten Jahren sind neue Ausbildungswege entstanden. „Bei uns kann man nicht nur die Fachhochschulreife absolvieren, wir haben außerdem ein Studienmodell mit einer zusätzlichen Bachelor-Option eingeführt“, sagt Schulleiterin Beate Sorg-Pleitner, „ferner bieten wir neben der klassischen Ausbildung auch die Praxisintegrierte PiA-Ausbildung an und ermöglichen die Erzieherausbildung auf Wunsch in Teilzeit.“ Für Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, erster Vorsitzender des Trägervereins, ist die evangelische Wurzel seit Beginn prägend: „Bei allen innovativen Entwicklungen bleibt das evangelische Profil unser Leitbild. Wir erwarten von unseren Studierenden die Bereitschaft, sich auf religiöse Fragen einzulassen. Und wir arbeiten im Unterricht mit ihnen daran, wie sie dies in ihrer Arbeit im Kindergarten gestalten können. Davon profitieren in den Kitas viele tausende Kinder und ihre Eltern.“

In der Chronik schreibt die damalige Lehrerin und spätere Schulleiterin Lina Zeiner über die Anfänge in Herbrechtingen: „Für die Mithilfe in der Landwirtschaft mussten wir manche Unterrichtsstunde opfern. Wir haben schon viel Gemüse davon genossen, und viele Stunden gehackt und gegossen.“ Durch das enge Zusammenleben auf dem Seminargelände entstanden einige Fest- und Feiertraditionen, die bis heute nachwirken, erläutert Pfarrerin Beate Sorg-Pleitner, heutige Direktorin der Fachschule: „Unsere in der Region bekannte „Vesper im Advent“ hat ihre Wurzeln in der Seminar-Adventsfeier vom 1. Advent 1945. Gestalten, bewegen und musizieren hat in Herbrechtingen schon immer eine große Rolle gespielt. Die Musisch-Ästhetische Bildung gehört auch heute zu unserem besonderen Profil, zusammen mit Naturpädagogik, Erlebnispädagogik, Religionspädagogik und Friedenspädagogik.“

JUBILÄUMSFEIER

Das Jubiläum zu 75 Jahre Erzieherinnenausbildung in Herbrechtingen wird am 12. März um 16 Uhr mit einem Dankgottesdienst in der Klosterkirche gefeiert. Die Ansprache hält Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, erster Vorsitzender des Trägervereins. Den musikalischen Rahmen samt Psalm-Performance gestaltet Dozentin Christiana Heinrich-Burscheid zusammen mit Studierenden. Den anschließenden Festakt im Foyer der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik unter dem Motto „damals und heute“ moderiert Diplom-Pädagogin Heidi Fritz, zweite Vorsitzende des Trägervereins. Für eine Interview-Runde haben Landrat Peter Polta, Bürgermeister Daniel Vogt und Schuldekan Dr. Harry Jungbauer zugesagt. Die Festrede hält Professor Doktor Ulrich Hemel, Direktor des Weltethos-Instituts Tübingen. Er spricht zum Thema: Religions- und kultursensibel erziehen – welche Werte brauchen unsere Kinder? Anschließend sind alle Gäste zum Stehempfang eingeladen.

INFO ZUM TRÄGERVEREIN

Der „Verein Evang. Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik e. V.“ hat seinen Sitz in Stuttgart. Die beiden Vorsitzenden sind Oberkirchenrat Dieter Kaufmann aus Stuttgart und Diplom-Pädagogin Heidi Fritz aus Leonberg. Die Anfänge des Trägervereins reichen bis ins Jahr 1862 zurück. Lange Zeit war er unter dem Namen „Verein Evang. Kindergärtnerinnenseminare“ bekannt. Die Evangelische Fachschule Herbrechtingen gilt als Nachfolgerin des Evangelischen Fröbelseminars, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Stuttgart entstand und nach dem zweiten Weltkrieg eine Unterkunft in Herbrechtingen fand. Der Hauptzweck des Vereins ist die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Das Kultusministerium hat dafür bereits 1920 die staatliche Anerkennung ausgesprochen. 

Der Verein ist heute professioneller Träger von vier Evangelischen Fachschulen für Sozialpädagogik in Württemberg – an den Standorten Herbrechtingen, Reutlingen, Schwäbisch Hall und Stuttgart-Botnang mit insgesamt rund 1000 Schülerinnen und Schülern. Außerdem betreibt der Verein den Kindergarten der Evangelischen Fachschule in Stuttgart-Botnang, das Evangelische Kinderzentrum Herbrechtingen und die Evangelische Fachschule für Organisation und Führung (EFOF) in Schwäbisch Hall. Rund 130 Mitarbeitende sind an den Standorten insgesamt beschäftigt. Die Arbeit des Vereins geschieht mit klarem evangelischem Profil. Religionspädagogik zieht sich als Schwerpunkt durch die gesamte Ausbildung. Der Verein ist Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg. 

Kontakt:
Direktorin Beate Sorg-Pleitner, T: 07324 / 9628-0, beate.sorg-pleitner@ev-fs.de
Christine Haag-Merz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, T: 0711 / 48909572, christine.haag-merz@ev-fs.de